DER PRODUZENT ÜBER DEN FILM
Die Idee zu TOM SAWYER entstand, nachdem ich HÄNDE WEG VON MISSISSIPPI gesehen habe. Ein Film mit einer „schönen Seele“, wie ich finde, geprägt von einer beeindruckenden Zeitlosigkeit. Und noch ein zweiter Film, den ich nach vielen Jahren wieder gesehen habe, stand Pate: PAPER MOON von Bogdanovich, eine großartige Gaunergeschichte mit der Handschrift des US-Kinos der 70er Jahre. Mit diesen beiden Filmen im Kopf entwickelte sich der Wunsch, selbst einen Kinder- und Jugendfilm zu machen, der sich nicht einem vermeintlichen Geschmack der Kinder von heute anbiedert und auch sonst gänzlich außerhalb der Zeit steht, der nicht nur als Kinderfilm seine Gültigkeit erlangt, sondern von vornherein mehr bietet: nämlich neben Abenteuern und dem Drang nach Freiheit und einer eigenen Welt auch wirkliche ernsthafte Konflikte.
Auf der Suche nach dem geeigneten Stoff, der diesen Wunsch erfüllen könnte, erinnerte ich mich an ein Fernseherlebnis meiner eigenen Jugend: Ende der 60er Jahre gab es eine deutsch-rumänisch-französische Co-Produktion, die Mark Twains Tom Sawyer als TV-Vierteiler für das ZDF verfilmt hat. In die leicht schielende Becky aus dieser TV-Verfilmung war ich damals – wie Tom in der Geschichte – total verliebt. Und auch sonst bin ich vorm Fernseher komplett in die Haut meines Jugendhelden geschlüpft, der mir natürlich ein großes Vorbild war. Aus heutiger Sicht ist es interessant, dass meine erste Begegnung mit Tom im deutschen Fernsehen und nicht bei der Lektüre von Mark Twain stattgefunden hat.
Mit meiner Jugenderinnerung im Gepäck machte ich mich ans Werk, die richtigen kreativen Partner für dieses Projekt zu finden und an der relativ kurzen Entwicklungszeit bis zum Drehbeginn kann man sehen, dass die Idee auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Es gelang sehr schnell, starke und tatkräftige Persönlichkeiten ins Boot zu holen:
Sascha Arango, unser Drehbuchautor, hat dem Stoff eine tolle Poesie und zugleich Frechheit verliehen, ohne auf Teufel komm raus modern sein zu wollen. Er ist nah an der literarischen Vorlage geblieben, aber an einigen Stellen, wo uns die Geschichte zu gestrig erschien, hat er behutsame Veränderungen vorgenommen - besonders auffällig wohl in der Figur von Tante Polly. Sie ist nicht mehr eine alte Dame, sondern eine unabhängige junge und schöne Frau, eine moralische Kämpferin, die ihre Prinzipien und einen guten Charakter hat.
Hermine Huntgeburth für TOM SAWYER zu gewinnen, war ein weiterer Glücksfall. Sie hat weit reichende Erfahrungen mit Literaturverfilmungen und weiß daher genau, wann man der Vorlage verbunden bleiben muss und wann man sich herausnehmen darf, ja geradezu muss, sie zum Zwecke einer funktionierenden, witzigen, frechen, berührenden und zeitgemäßen Filmhandlung zu verlassen. Gemeinsam haben wir ein hervorragendes Filmteam zusammengestellt, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Auf das bis in die kleinsten Nebenrollen glänzende Darstellerensemble bin ich besonders stolz.
Benno Fürmann als Indianer Joe, ein Traum! Heike Makatsch, Joachim Król, Thomas Schmauser, Sylvester Groth, Hinnerk Schönemann und Peter Lohmeyer, um nur ein paar der Erwachsenendarsteller zu nennen, und schließlich die Kinder – und da allen voran Tom & Huck alias Louis Hofmann und Leon Seidel, aber auch Andreas Warmbrunn als Sid, Magali Greif als Becky oder Henri Werner als Ben Rogers: sie sind nun diejenigen, die den Kindern von heute und morgen hoffentlich ähnlich intensive Gefährten werden, wie für mich damals meine Jugendhelden.
Für uns, die Macher dieses Films, hat TOM SAWYER dieses Potenzial, sonst hätten wir uns ja nicht an den zweiten Teil gemacht. Derzeit wird bereits HUCK FINN gedreht, wieder nach dem gleichnamigen Roman von Mark Twain. Beweisen Sie uns, dass wir uns nicht geirrt haben!
Boris Schönfelder